Alles anders, alles neu mit Social Media?

Neue Medien(techniken) lösen (übrigens seit Jahrhunderten immer wieder) gleichermaßen Visionen der Freiheit und Schreckensfanatasien a la „Untergang des Abendlandes“ aus. Beides erweist sich erfahrungsgemäß zwar als falsch, aber das stört viele Visonäre, Kommunikations- und Unternehmensberater nicht weiter. Auch an „Social Media“ knüpfen sich solche Fantasien: praktisch kostenlos, allzeit verfügbar, partizipativ und direkt… Bei nüchterner Betrachtung der bisherigen Entwicklung und Forschung kommen wir zu folgender Einschätzung:

Social Media revolutionieren die Wissenschaftskommunikation nicht. Der Einsatz von Social Media durch Hochschulen und andere Forschungsinstitutionen bietet zwar vergleichsweise preiswerte Möglichkeiten, direkt und unter Umgehung journalistischer Gatekeeper mit einem Laienpublikum zu kommunizieren. Allerdings handelt es sich um ein insgesamt gegenüber den publizistischen Medien (Massenmedien) sehr begrenztes und ein signifikant jüngeres Publikumssegment. Aus dem Wissenschaftsjournalismus bekannte Präferenzen und Ungleichgewichte hinsichtlich von Wissenschaftsdisziplinen, Themen und Präsentationsperspektiven werden nicht überwunden.

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Prof Dr. Klaus Beck forscht und lehrt seit 2007 am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin. Er leitet dort die Arbeitsstelle Kommunikationspolitik/ Medienökonomie und ist Direktor des Internationalen Journalisten-Kollegs. Zuvor war er Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft an der Universität Greifswald (2003-2007) und Hochschulddozent für Theorie und Soziologie der Öffentlichkeit mit dem Schwerpunkt Medienethik an der Universität Leipzig. Klaus Beck hat an der Freien Universität studiert und 1994 zum Dr. phil. promoviert, war dann Hochschulassistent an der Universität Erfurt und forscht seit den 1990-er Jahren zur Onlinekommunikation. Zu seinen Arbeitsgebieten zählen die Kommunikations- und Medientheorie, Politik, Ökonomie und Ethik der Kommunikation. In den vergangenen Jahren hat er u.a. eine Reihe von Forschungsprojekten zur Qualität des Journalismus geleitet und widmet sich derzeit in einem DFG-Projekt den Folgen der Pressekonzentration für die regionale Pressevielfalt.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Der Einsatz von Social Media durch Hochschulen und andere Forschungsinstitutionen bietet zwar vergleichsweise preiswerte Möglichkeiten, direkt und unter Umgehung journalistischer Gatekeeper mit einem Laienpublikum zu kommunizieren.

    Ja, und in diesem „kommunizieren“ steckt ein zentraler USP der Social Media-(Wissenschafts)kommunikation: Nämlich, dass es nicht notwendigerweise eine Einbahnstraßen-Kommunikation ist, sondern eine Chance, mit den Menschen in einen nachhaltigen Dialog über die Wissenschaft einzutreten. Dazu muss man aber natürlich auch zuhören und eine Dialogkultur leben.

    Allerdings handelt es sich um ein insgesamt gegenüber den publizistischen Medien (Massenmedien) sehr begrenztes und ein signifikant jüngeres Publikumssegment.

    Ich verstehe das „allerdings“ im Zusammenhang mit dem „signifikant jüngere[n] Publikumssegment“ nicht. Social Media ist eben eine sehr gute Möglichkeit, den Nachwuchs zu erreichen. Wenn der ein wichtiger Teil der eigenen Interaktionsgruppe ist (wie etwa bei uns*), dann ist Social Media eine gute Möglichkeit, mit jungen Menschen in den Dialog zu kommen. Wir gucken da im Übrigen auch nicht nur auf Reichweite im Vergleich zu Massenmedien. Wenn man die „richtigen“ Personen erreicht (also die in der eigenen Kommunikationsstrategie definierten Interaktionsgruppen), dann kann man sein Kommunikationsziel prima zielgenau erreichen, auch wenn es andere Kommunikationsmittel gibt, mit denen man insgesamt mehr Reichweite erzielen könnte. Ich sehe da aber auch kein entweder-oder, sondern nur ein sowohl-als-auch.

    ‚Offenlegung: Ich arbeite für die Kommunikationsabteilung der Helmholtz-Geschäftsstelle und vertrete hier meine privaten Ansichten.

  2. Der Einsatz von Social Media durch Hochschulen und andere Forschungsinstitutionen bietet zwar vergleichsweise preiswerte Möglichkeiten, direkt und unter Umgehung journalistischer Gatekeeper mit einem Laienpublikum zu kommunizieren.

    Ja, und in diesem „kommunizieren“ steckt ein zentraler USP der Social Media-(Wissenschafts)kommunikation: Nämlich, dass es nicht notwendigerweise eine Einbahnstraßen-Kommunikation ist, sondern eine Chance, mit den Menschen in einen nachhaltigen Dialog über die Wissenschaft einzutreten. Dazu muss man aber natürlich auch zuhören und eine Dialogkultur leben.

    Allerdings handelt es sich um ein insgesamt gegenüber den publizistischen Medien (Massenmedien) sehr begrenztes und ein signifikant jüngeres Publikumssegment.

    Ich verstehe das „allerdings“ im Zusammenhang mit dem „signifikant jüngere[n] Publikumssegment“ nicht. Social Media ist eben eine sehr gute Möglichkeit, den Nachwuchs zu erreichen. Wenn der ein wichtiger Teil der eigenen Interaktionsgruppe ist (wie etwa bei uns*), dann ist Social Media eine gute Möglichkeit, mit jungen Menschen in den Dialog zu kommen. Wir gucken da im Übrigen auch nicht nur auf Reichweite im Vergleich zu Massenmedien. Wenn man die „richtigen“ Personen erreicht (also die in der eigenen Kommunikationsstrategie definierten Interaktionsgruppen), dann kann man sein Kommunikationsziel prima zielgenau erreichen, auch wenn es andere Kommunikationsmittel gibt, mit denen man insgesamt mehr Reichweite erzielen könnte. Ich sehe da aber auch kein entweder-oder, sondern nur ein sowohl-als-auch.

    *Offenlegung: Ich arbeite für die Kommunikationsabteilung der Helmholtz-Geschäftsstelle und vertrete hier meine privaten Ansichten.

    • Ja, die Wege werden direkter, aber sie werden natürlich auch aufwändiger. Das wird jeder Mitarbeiter bestätigen, der nun (meist zusätzlich!) für Social Media-Management zuständig ist. Im Grunde ist auch die „klassische“ Kommunikation via „Massenmedien“ keine Einbahnstraße (dann wäre es ja auch keine Kommunikation). Die Journalistinnen und Journalisten erfinden ja die Nachrichten nicht, sondern haben Quellen z.B. aus der PR, und die Rezipienten saugen sie auch nicht auf wie ein Schwamm. Es findet Anschlusskommunikation statt, es entstehen Fragen etc., die wiederum von Journalisten aufgegriffen werden können und sollen. Weil auch der „klassische“ Kommunikationsprozess immer schon komplexer war, ist man in der Kommunikationsforschung von linearen Kommunikationsmodellen (meistenteils) abgekommen. Was sich aber verändert, ist die Art der Vermittlung: Waren bislang Journalisten die vermittler fremder Aussagen, wird nun potentiell jeder nicht nur zum Sprecher, sondern auch zum „Medienbetreiber“. Das ist eine Chance – nicht nur mit Blick auf die Politik in der Türke und andernorts. Auch für die Wissenschaftsinstitutionen ist es eine zusätzliche Möglichkeit.
      Die Frage der Effizienz muss man sich dabei allerdings auch stellen: Den „Job“ der Medien, Themen und Meinungen zu selektieren, zu aggregieren und zu moderieren, muss nun von anderen übernommen werden. Und das im Verhältnis 1:1!

      Reichweiten sind nicht alles, da stimme ich völlig zu. Aber man sollte sich zum nicht täuschen, nur weil man selbst bestimmte Medien ganz selbstverständlich nutzt: Twitter-Accounts haben rund 5% der Bevölkerung, ein Fünftel ist nicht mal online… Und genau auf die Zielgruppe bezieht sich auch mein „allerdings“: junge, formal hoch gebildete, zeitreiche und eher männliche Zielgruppen erreicht man ganz gut, vielleicht sogar besser als mit anderen Medien. Aber das ist eben nur ein Teil…

  3. Die Aussage, dass hier keine Revolution stattfindet, finde ich zu eng formuliert.

    Klar ist, dass die Klickzahlen für Blogs und andere direkte Formate im Vergleich mit den starken Massenmedien-Marken relativ klein sind.

    Aber der Vergleich hinkt z.B. bei denjenigen Blogs, die deutlich tiefere Einblicke in ein Wissensgebiet geben als herkömmliche Medienberichte. Da wäre ein aus meiner Sicht besserer Vergleichswert z.B. die Leserschaft von Wissenschafts-Sachbüchern. Und bei dem Vergleich schneiden die Blogs dann schon deutlich besser ab.

    Insgesamt scheint mir die Konzentration auf Breitenwirkung zu vernachlässigen, was Blogs – nicht nur von den Hochschulen und Institutionen selbst, sondern von engagierten individuellen Wissenschaftlern! – für einen Mehrwert für diejenigen bedeuten, die mehr wollen, insbesondere größere Tiefe und ein höheres Niveau als das der (durch die notwendige Massentauglichkeit gehandicappte) großen Medien. Als ich noch ein Kind war, gab es solche Informationen direkt aus der Wissenschaft kaum – so gut wie alles, was man bekam, war gefiltert; zu Themen, die zu großes Interesse voraussetzten, als dass man sie z.B. Spektrum-der-Wissenschaft-Lesern schmackhaft machen konnte, gab es herzlich wenig. Das ist aus meiner Sicht die eigentliche Revolution: die neue Informationsfülle für eine Zielgruppe, die zuvor zu klein war, als dass der Wissenschaftskommunikationsmarkt sie gut bedient hätte.

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